Trauer bringt viele verschiedene Fragen mit sich, für die es keine einfachen Antworten gibt.
Diese Frage hat mir eine Klientin vor einiger Zeit gestellt, und sie hat mich sehr beschäftigt, weil Wut eines jener Gefühle ist, das in der Trauer sehr häufig missverstanden wird. Dabei ist sie ein ganz authentischer und ehrlicher Ausdruck von Liebe.
Vielleicht beschäftigt Dich diese Frage auch gerade.
Die Frage aus meiner Community.
„Meine Mutter ist vor Kurzem verstorben. Sie ist sehr alt geworden – aber die letzten Jahre waren sehr anstrengend für mich und meine Familie, weil sie zu Hause gepflegt und betreut wurde. Sie starb schließlich im Spital – etwas, das sie selbst nie wollte und auch für mich war das immer eine furchtbare Vorstellung. Ich habe große Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass sie so gehen musste. Ich bin seither sehr wütend und habe auch am Arbeitsplatz kaum noch Spielraum für die Anliegen und Probleme anderer Menschen. Am liebsten ist es mir, wenn mich alle in Ruhe lassen. Warum bin ich so wütend? Ich verstehe überhaupt nicht, was gerade mit mir los ist und das macht mir Angst. Wie kann ich herausfinden, was mich so triggert und wie kann ich Frieden damit finden, dass meine Mutter nicht so sterben konnte, wie sie es wollte?„
Was ich Dir darauf antworten möchte.
Wut ist ein ganz normales und wichtiges Gefühl in der Trauer. Ganz besonders dann, wenn der Abschied von einem geliebten Menschen nicht so war, wie ihr beide es Euch gewünscht und vorgestellt habt.
Die jahrelange Zeit der Pflege war bereits enorm fordernd. Du hast viel Energie, Kraft gegeben und auf Vieles verzichten müssen, um für Deine Mutter da zu sein. Der Konflikt zwischen „zu Hause sterben wollen“ und „im Spital sterben müssen“ fühlt sich an wie ein Verrat am Verspechen, das ihr Euch gegenseitig gegeben habt.
Deine Schuldgefühle wegen eines gebrochenen Versprechens, aber auch die Ohnmacht und Hilflosigkeit – weil Du den Verlauf des Geschehens nicht verändern oder beeinflussen konntest – drücken sich oft in Wut aus. Auch ein Gefühl von Versagen, obwohl Du alles gegeben hast, oder Gefühle der Ungerechtigkeit („Sie hat so viel erduldet und durfte nicht so gehen, wie sie wollte“) können Auslöser für Deine Wut sein.
Oft drückt sich starke Erschöpfung und das Unterdrücken eigener Bedürfnisse über Jahre hinweg auch als Wut aus.
Dein Rückzug ist ein Schutzmechanismus, um Deine Emotionen zu bewältigen. Vermutlich auch deshalb, weil es Dir schwer fällt Deine Wut auf konstruktive Weise zu verarbeiten und Dich lieber von anderen Menschen fern hältst, damit sie Deine Wut nicht abbekommen.
Nimm Deine Wut an. Drücke sie bewusst und so vollständig wie möglich aus.
Drücke einen Stress-Ball, nutze progressive Muskel-Entspannung, schlage auf ein Kissen ein oder wirf es (sicher!) an die Wand. Achte bitte darauf, dass nichts kaputt geht, denn Deine Wut soll Dich in Bewegung und in Deine Kraft bringen, nicht dafür sorgen, dass etwas kaputt geht oder zerstört wird.
Schreie alles aus Dir heraus – in Dein Kissen, im Auto (da hört Dich garantiert niemand!) oder irgendwo in der freien Natur.
Schreibe wütende Briefe (ohne sie abzuschicken) an die Ärzte, an das Leben, an Gott – an wen auch immer, in denen Du völlig frei und direkt ausdrückst, was Dich so wütend macht. Verbrenne die Briefe dann anschließend in einer feuerfesten Schale mit der Bitte um Transformation Deines Schmerzes.
Bleibe im Rückzug, so lange Du ihn brauchst.
Begegne Deinen Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit mit Achtsamkeit und Sanftmut. Anerkenne, dass Du es nicht anders machen konntest, dass es keine andere Möglichkeit gab und lass den tiefen Schmerz, der damit verbunden ist, zu.
Sage Dir selbst, dass Du Deine Mutter nicht im Stich gelassen hast. Du warst Da für sie – unter sehr schweren Bedingungen. Du hast Dein Bestmögliches gegeben. Und das ist mehr als genug. Zünde eine Kerze an und sprich laut aus: Ich lasse los, was ich nicht ändern kann.
Deine Wut ist auch immer ein Zeichen Deiner Kraft, Deines Engagements und Deiner Liebe. Sie darf da sein – und sie darf auch wieder gehen.
Du findest Frieden, wenn Du Deine Wut annimmst.
Du bist nicht alleine.
Wenn Du aktuell in einem Trauerprozess bist und spürst, dass Deine Trauer Begleitung braucht – ich bin da für Dich.
Melde Dich gerne bei mir – ich antworte Dir persönlich, meist innerhalb von 24 Stunden.
Von Herzen,
